USA vs. Deutschland: Kulturelle Unterschiede zwischen US-amerikanischen und deutschen Startups

Jeder Business Angel, der in deutsche Startups investiert, blickt wohl immer mit einem Auge nach Amerika: Die USA und vor allem das Silicon Valley gelten im Bereich High-Tech/IT weltweit als das Maß der Dinge. Trends, die dort entstehen, gelangen mit einer zeitlichen Verzögerung auch nach Deutschland.

Und bei allen Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und den USA gibt es natürlich einige kulturelle Unterschiede zwischen der deutschen und amerikanischen Startup-Szene.

Es gibt Unterschiede, die ganz offensichtlich sind, so zum Beispiel das Volumen des vorhandenen Risikokapitals und die große Anzahl von Startups in den USA. Und es gibt Unterschiede, die weniger sichtbar sind, die sich auf einer subtileren Ebene abspielen, etwa die Frage, wo bei einem Startup-Pitch die feine Linie zwischen „Größenwahnsinn“ und „selbstbewusster Vision“ verläuft.

Selbstverständlich muss man in einem Beitrag wie diesem die Dinge pauschalisieren und vereinfachen. Und wie meistens gibt es auch die Ausnahmen, die genau des Gegenteil zeigen. Genauso wie es innerhalb Deutschlands (kulturelle) Unterschiede etwa zwischen Berlin und München gibt,  so findet man diese auch innerhalb der USA etwa zwischen dem Silicon Valley und der Ostküste.

Dennoch: Wer als Deutscher in den USA als Unternehmer oder Investor aktiv ist, wird die kulturellen Unterschiede täglich erleben.

Global Player vs. Local Hero

Amerikanische Startups denken von Anfang an in größeren Dimensionen („think big“) und setzen vor allem auf schnelles Wachstum.  Die USA sind das Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“, die Deutschen sind die „Dichter und Denker“.

Die Themen break-even und Profitabilität sind daher für US-Startups zweitrangig. In erster Linie geht es um schnelles Wachstum und die Eroberung von Marktanteilen. Erst auf dem US-Markt, dann selbstverständlich weltweit.

Ein wesentlicher Grund hierfür ist das große Volumen an vorhandenem Risikokapital und die höhere Risikobereitschaft amerikanischer Investoren: So können US-Startups mit einer  entsprechenden traction (z.B. Wachstum bei Usern, Interaktionen, Umsatz etc.) ohne größere Probleme Anschlussinvestoren für weitere Finanzierungsrunden finden.

Das ist in Deutschland anders: Hier versuchen Gründer oftmals möglichst früh den break-even zu erreichen, um von weiteren Kapitalgebern unabhängig zu werden, da selbst bei einer guten traction eine Anschlussfinanzierung (Series A, B, C) schwierig werden kann.  

Wohl auch deshalb entstehen in Deutschland in der digitalen Wirtschaft keine wirklichen Global Player wie Facebook, Google, Amazon oder Apple.

Hinzu kommen natürlich die sprachlichen Barrieren: Mit einem deutschsprachigen Produkt ist ein Startup auf die DACH-Region beschränkt, während man mit Englisch von Anfang an den gesamten anglo-amerikanischen Raum adressiert und auch die Teile der Welt, in den Englisch als Zweit- und Fremdsprache verbreitet ist.

Was in den USA hingegen weitgehend fehlt, ist das, was wir in Deutschland als „Mittelstand“ bezeichnen und welcher bei uns als das Rückgrat der Wirtschaft gilt. Und bezeichnenderweise gibt es für diesen Begriff auch keine gute Übersetzung ins Englische.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass US-Startups eher ein „Alles-oder-Nichts-Spiel“ betreiben, also entweder Weltmarktführer und Global Player oder eben ordentlich daran scheitern. Und um es dann in einem zweiten Anlauf – mit einer neuen Geschäftsidee – gleich nochmal zu probieren!

Overselling vs. Bescheidenheit

Wer schon einmal die Produkt-Präsentationen von Apple durch Steve Jobs oder Tim Cook verfolgt hat, weiß, dass  praktisch jedes neue Feature mit den Begriffen „revolutionary“, „amazing“ und „remarkable“ beschrieben wird.

Was die Amerikaner auf jeden Fall besser können als wir Deutsche, ist das Verkaufen. Während in Deutschland ein bescheidendes Auftreten zum guten Ton gehört, trifft man in den USA im geschäftlichen Umfeld  auf ein permanentes „Overselling“.

Viele Startups streben in ihren pitch-decks innerhalb von fünf Jahren eine Bewertung von über eine Milliarde an, wollen also das nächste Unicorn werden. Und oftmals ist das auch die Erwartung der amerikanischen Risikokapitalgeber. Schon in der Seed-Phase schwebt die Frage im Raum: Hat das Team mit seiner Produktidee das Zeug zu einer „Billion Dollar Company“?

Die Überzeugung, das nächste Unicorn werden zu können, spiegelt sich auch in den Bewertungen von Startups wieder: In der Seed-Runde sind bei amerikanischen Startups Bewertungen zwischen $4 bis $6 Millionen und in der Series A Bewertungen zwischen $8 und $12 Millionen an der Tagesordnung. 

Den meisten deutschen Gründern ist dieses „Overselling“ – man könnte es auch Größenwahn nennen – eher fremd. Hier backt man – auch verbal – kleinere Brötchen und versucht Investoren weniger mit selbstbewusstem Story Telling, sondern vor allen mit einem überzeugenden Produkt und harten Fakten zu beeindrucken. 

Dieser bescheidenere Ansatz zeigt sich dann auch in den Bewertungen, die deutsche Startups aufrufen: So liegt man in der Seed-Phase meisten zwischen €1 bis €2 Millionen (wenn man als Angel gut verhandelt auch darunter) und erreicht in der folgenden Series A oftmals noch eine Bewertung von unter €5 Millionen.

Geschwindigkeit vs. Genauigkeit

Was amerikanische Startups auszeichnet ist vor allem das Bewusstsein für Speed. Der beste Businessplan und die schönste Finanzierung sind wertlos, wenn man die PS nicht auf die Straße bringen kann.

Während in Deutschland bei der Projektplanung in Monaten und Jahren gedacht wird, denkt man in den USA in Tagen und Wochen. Das zeichnet sich auch in so kleinen Dingen aus wie der E-Mail-Kommunikation: Eine Antwort auf eine E-Mail wird in den USA meist innerhalb von ein bis zwei Stunden erwartet, während man in Deutschland mit einem Tag wohl noch im Bereich das sozial-adäquaten Verhaltens liegt.

Doch die Schnelligkeit hat Ihren Preis: Selbstverständlich leidet die Qualität, wichtige Details werden einfach übersehen und Probleme nur oberflächlich gelöst oder gleich ganz unter den Tisch gekehrt. Konzepte wie MVP (Minimal Viable Product) konnten deshalb nur in den USA entstehen und in deutschen Startups hat man wohl immer noch große Bauschmerzen, mit einem halb fertigen Produkt an den Markt zu gehen.

Nicht umsonst bewundert man aus amerikanischer Sicht die deutsche Detailversessenheit, Präzision und Genauigkeit und auch heute noch hat das berühmte „German Engineering“ in den USA einen hohen Stellenwert.

Technikbegeisterung vs. Innovationsfeindlichkeit

In Deutschland (und weiten Teilen Europas) gibt es ein eher technologie- und innovationsfeindliches Gesellschaftsklima. Über Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon, Uber oder Airbnb wird in den deutschen Mainstream-Medien fast ausschließlich kritisch berichtet. Auch in Gesprächen mit Leuten außerhalb der IT-/Startup-Szene kann man diese – irgendwie typisch deutsche – Skepsis täglich spüren:

Google gilt als Datenkrake, Facebook ist abwechselnd Teufelszeug oder Zeitverschwendung, und der Erfolg von Amazon basiert nur auf der Ausbeutung von Arbeitnehmern. Uber wird ausschließlich unter dem Aspekt des fehlenden Versicherungsschutzes diskutiert und bei Airbnb geht es primär um die Frage, in welchem Ausmaß damit Steuern hinterzogen werden.  Und selbst von einem harmlosen Pizza-Lieferdienst fordert die deutsche Finanzverwaltung eine Banklizenz (siehe Landgericht Köln 2012 zu Lieferheld).

In diesem Umfeld haben es Startups mit disruptiven Geschäftsmodellen schwer.

Hinzu kommt, dass das Berufsbild „Unternehmer“ nicht wirklich positiv besetzt ist. In Deutschland streben die meisten Studenten/Studentinnen eine Karriere bei einem Großunternehmen oder in der öffentlichen Verwaltung an.

In den USA hingegen gelten Unternehmer wie Elon Musk (Tesla, SpaceX) und Steve Jobs (Apple) als role model und viele Eltern wünschen sich, dass aus ihren eigenen Kindern ebenfalls mal erfolgreiche Unternehmer werden. Doch welche deutschen Eltern würden ihrer Tochter oder ihrem Sohn nach dem Uni-Abschluss ernsthaft raten, ein Unternehmen zu gründen? Und ein Satz wie „ich möchte der nächste Oliver Samwer werden“ würde deutsche Eltern wohl mehr schockieren als grün-gefärbte Haare.